Der „Kranzskandal“ oder warum der Reflex und die Hysterie nicht über den gesunden Menschenverstand siegen dürfen.

Am 27. Januar werden in der Gedenkstätte Buchenwald alljährlich Kränze im Andenken an die Opfer der nationalsozialistischen Diktatur niedergelegt. Die Landtagsfraktionen nehmen an der Gedenkveranstaltung teil – zum ersten Mal auch die neue Fraktion der AfD.

Von Björn Höcke

In Vorbereitung auf den Gedenktag einigte man sich in der AfD-Fraktionsversammlung auf folgenden Schleifenaufdruck: „Wir gedenken aller Opfer des Konzentrations- und Speziallagers Buchenwald.“ Mit dieser Aussage wollte man vor dem Hintergrund einer augenfälligen Asymmetrie in der bundesdeutschen Erinnerungskultur behutsam aufzeigen, daß die Vernichtung von unschuldigen Menschenleben nach dem 8. Mai weiterging und daß es keine Unterscheidung zwischen Opfern 1. und 2. Klasse geben dürfe. Für diesen geschichtspolitischen Denkanstoß schien der Gedenkort besonders geeignet, denn das KZ Buchenwald wurde unter kommunistischer Ägide bekanntlich zum Speziallager Buchenwald. Mit diesem Impuls wollte die AfD-Fraktion keinesfalls der Erinnerung an die Millionen Opfer des Nationalsozialismus in Frage stellen. Im Gegenteil bestand Einigkeit darüber, daß den Getöteten und Verfolgten der Hitler-Diktatur selbstverständlich umfassend gedacht werden müsse.

Nun konnte die AfD-Fraktion nicht ahnen, wie stark dieser Gedenktag in seinem konkreten Vollzug bereits formalisiert und ritualisiert worden ist. Der Meldung des Aufdruckwunsches an die Gedenkstätte Buchenwald folgte eine rüde Antwort des stellvertretenden Direktors Rikola-Gunnar Lüttgenau, in der der Fraktion mitgeteilt wurde, daß der Schleifenaufdruck dem Stiftungszweck der Gedenkstätte Buchenwald widerspräche und ein so beschleifter Kranz nicht niedergelegt werden könne. Darüber hinaus informierte man die Fraktion, daß man über den Sachverhalt das Büro des Landtagspräsidenten informiert habe.
Zwischenzeitlich war auch der Direktor der Gedenkstätte, Herr Dr. Volkhard Knigge, an die Öffentlichkeit getreten und tat alles, um eine Skandalisierung zu nähren.
Vergeblich versuchte das Sekretariat der AfD-Fraktion nach der ersten Rückantwort der Gedenkstätte einen Kontakt zu selbiger herzustellen. Dutzende Anrufe und E-Mails blieben unbeantwortet. Kompromißvorschläge wurden nicht angenommen, Vermittlungsbemühungen nicht zugelassen. Kurz gesagt: Reflex und Hysterie hatten über den gesunden Menschenverstand gesiegt.

Die fehlende Gesprächsbereitschaft der Stiftungsleitung veranlaßte den AfD-Fraktionsvorsitzenden Björn Höcke zu einer Pressemitteilung, die deutlich auf das ungebührliche Verhalten des Hysterikers Knigge einging. Wörtlich sagte Höcke: „Wenn man der Direktor einer steuergeldfinanzierten Einrichtung ist, ist das keine Art und Weise mit einer neuen Fraktion umzugehen.“

Am Nachmittag des 22. Januars tauschten sich der AfD-Fraktionsvorsitzende und der Landtagspräsident über den Sachverhalt aus. Beiden war nicht an einer weiteren Eskalation des Eklats gelegen. Eine parteipolitische Instrumentalisierung des Gedenktages mußte unbedingt verhindert werden. Und so kam man umgehend zu einem Kompromißvorschlag. „In stillem Gedenken“ sollte auf der Kranzschleife der AfD-Fraktion nun zu lesen sein – analog zum Schleifenaufdruck des Landtages.

Auf diesen Textvorschlag reagierte Stiftungsdirektor Dr. Volkhard Knigge nicht weniger gereizt und betroffen. Der dpa sagte er: „Der Text ist eine absolute Leerformel“. Er erfülle ihn mit „leisem Entsetzen“.

Wir meinen: Wer echte Anteilnahme will, darf die Erinnerung nicht im Ritus ersticken. Nur aus dem Zusammengehen von Form und Inhalt entsteht ein Ding. Die leere Hülle muß bald ins Grab schon sinken.