Die Enquete-Kommission „Ursachen und Formen von Rassismus und Diskriminierungen in Thüringen“

Dein Geld, lieber Bürger, ermöglicht es, in Kommissionen Probleme zu erörtern, von denen Du noch nie gehört hast. Wahrscheinlich erfährst Du auch jetzt erst von der Kommission „Ursachen und Formen von Rassismus und Diskriminierungen in Thüringen“. Das ist schade, denn Dein Geld nehmen sie Dir so oder so. Und glaube mir, in Sachen kurzweiliger Unterhaltung ist Dein Geld gut angelegt. Um Dir das zu verdeutlichen, werde ich Dir die größten, besten und spannendsten Attraktionen der bisherigen Vorstellungen schildern.

Ich führe Dich also in die tiefsten Tiefen des Kaninchenbaus. Begrüßen wir nun den ersten Großdenker, der schon mit stolzen, kühnen Blick die Runde mustert. Dieser Meister der Welt hinter den Dingen läßt uns Sterbliche nun an seiner Weisheit teilhaben. Hört und glaubt es: Stellen wir uns vor, wir sehen einen Menschen mit – nun ja – anderer Hautfarbe und auch sonst fremden Aussehen. Nun, lieber Bürger, Du täuschst Dich. Was Du zu sehen glaubst, hat keine Entsprechung in der Wirklichkeit. Es ist Deine eigene Projektion.

Nicht Dein Auge, es ist Dein innerer Wunsch nach Abgrenzung, der Dich die andere Hautfarbe sehen lässt. „Diese behauptete Andersartigkeit der Abzuwertenden kann an zugeschriebenen, also projizierten phänotypischen Merkmalen – Haut, Haare, Physiognomie – festgemacht werden“, spricht der erhabene Meister. Es ist eine Fata Morgana, eine Widerspiegelung Deiner eigenen Vorurteile, die Du als scheinbare Beobachtung wahrzunehmen glaubst. Ja, so ist es. So bekennen wir im stummen Gebet:

„Rassen sind also nicht irgendwelche objektiv beobachtbaren Einheiten, sondern soziale Konstruktionen, die erst aufgrund von Rassismus eingeschrieben werden und dann ihre Wirkung entfalten.“ Halten wir zunächst inne, lassen wir diese gewaltigen Worte auf uns wirken. Reue und Scham treiben uns die Tränen in die Augen. Was wir zu sehen glaubten, ist in Wirklichkeit nackter, hässlicher Rassismus, für unendliches Leid verantwortlich. Und indem wir sehen, was wir zu sehen glauben, setzen wir dieses Verbrechen fort.

Was ist mit unseren Kinderbüchern? Dingen, die wir an unsere Kinder weitergeben wollten? Schüchtern fragt ein Mädchen den erhabenen Meister: „Ist es jetzt so, dass man das alles irgendwie umschreibt oder möglichst beiseitelassen sollte, oder kann man damit unbefangen umgehen und es trotzdem noch lieben?“ Ernst blickt uns der Meister an und schüttelt traurig den Kopf. Wir haben es noch immer nicht verstanden. Und dann, mit einem Mal, ein Einblick in menschliche Größe. Der Meister bekennt, selbst einst irrend gewesen zu sein!
„Ich habe selber erst im 29. oder 30. Karl-May-Buch, was ich in jungen Jahren verschlungen habe, gemerkt, was mir da eigentlich in den ganzen anderen Büchern auch alles an rassistischen Dingen übergeworfen wurde.“ Erst „Der blaurote Methusalem“ habe ihm „zum Ausstieg verholfen“. Bis dahin habe er „leider schon alle Winnetous und die anderen Sachen“ gelesen. Bewegt lauschen wir dem Widerhall jener gewaltigen Worte. Dieser sieghafte Kampf gegen eine verführerische Droge, die wir bisher in freudiger Unschuld konsumierten.

Nun aber, da wir blind geworden sind, wurden wir sehend. Es gibt keine objektiv zu beobachtenden Unterschiede wie Hautfarbe. Alles das sind Zuschreibungen, nur Material unserer Mauern, mit denen wir uns in einem Prozess der „Rassifizierung“ von der Menschheit abschotten wollen. So hören und bekennen wir, erheben unsere Herzen und blenden unsere Augen für die heilige Blindheit. Doch nun, gerade da wir alle Menschen in einem freudigen, farblosen Nichts umarmen wollen, dringt irgendwie ein hässlicher Misston an unser Ohr.

Denn nun spricht unser Meister vom Kampf. „Es gibt ganz klar auf der Basis der menschenrechtlichen Definition nach der Konvention schutzwürdige Gruppen“, zu denen unter anderem „schwarze Menschen“ zählten. Das verwirrt uns doch etwas. Gerade haben wir doch gelernt, dass Blindheit Gnade und Geschenk ist. Jetzt sollen wir auf einmal wieder die Augen aufmachen? Irritiert lesen wir in der gelehrten Schrift des Meisters nach, was es mit dieser Konvention auf sich hat. Wir lesen hier in des Meisters eigenem Text:

„Sondermaßnahmen, die einzig zu dem Zweck getroffen werden, eine angemessene Entwicklung bestimmter Rassengruppen, Volksgruppen oder Personen zu gewährleisten, die Schutz benötigen, […] damit sie die Menschenrechte und Grundfreiheiten gleichberechtigt genießen und ausüben können, gelten nicht als Rassendiskriminierung […].“ Also einmal ist es gegen die Menschenrechte, wenn wir „Rassegruppen, Volksgruppen“ sehen. Ein andermal ist es gegen die Menschenrechte, wenn wir keine „Rassegruppen, Volksgruppen“ sehen.

Oh großer Meister, bitte hilf deinen unverständigen Schülern. Wenn eine Sache Rassismus, aber ihr Gegenteil auch Rassismus ist, was sollen wir denn machen? Wann ist es erlaubt, „Rassegruppen, Volksgruppen“ zu sehen, wann ist es verboten? Bitte, hochverehrter Meister, verhält es sich vielleicht so? Einmal gibt es „Rassegruppen, Volksgruppen“, die „Schutz benötigen“. Hier ist Nichthinsehen verboten. Dann gibt es „Rassegruppen, Volksgruppen“, die wohl keinen „Schutz benötigen“. Hier scheint Hinsehen verboten.

Ist es so richtig, oh erhabener Meister? Aber wie machen wir das? Denn wenn wir hinsehen, ob bestimmte „Rassegruppen, Volksgruppen“ schutzwürdig sind, dann sehen wir notwendig „Rassegruppen, Volksgruppen“, die nicht schutzwürdig sind. Das aber ist nach des Meisters Worten Rassismus. Ebenso wie es Rassismus ist, nicht hinzusehen. Doch – oh, erhabener Meister! – was sind wir für Toren. Wir brauchen doch gar nicht hinzusehen. Der Meister hat in seiner Weisheit uns doch bereits mitgeteilt, welche Gruppen „Schutz benötigen“.

Er, in seiner Gnade, hat uns aus diesem Dilemma geführt. Das Dilemma, nachdem es zwar einerseits keine „irgendwelche objektiv beobachtbaren Einheiten“ geben darf, andererseits irgendwie doch geben muß, es ist aufgelöst. Der Meister sagt es uns einfach. Der Meister sagt uns einfach, wer Schutz benötigt und wer nicht. Und wer einer schutzwürdigen Gruppe den Schutz verweigert, ist ein Rassist. Und wer eine nicht schutzwürdige Gruppe schützen will, ist auch ein Rassist. Oh, erhabener Meister, wir danken Dir für die Hilfe.

Bleibt noch eine Frage zu klären, oh hochverehrter Meister. Der Meister selbst hat uns mitgeteilt, „dass Rassismus Gruppen essenzielle Eigenschaften und unterschiedliche Wertigkeiten zuschreibt“: „Diese Hierarchisierung, die dabei herauskommt, ermöglicht […] dann auch Diskriminierung und Schlechterstellung der abgewerteten Gruppen […].“ Der Meister Metaphysicus wird uns Unverständigen ganz sicher in der nächsten Sitzung erklären, was dann der genaue Unterschied zu seinem eigenen Konzept ist.

Lieber Bürger, Du siehst, für Deine Erbauung wird in dieser Kommission gesorgt.